Pflanzenaddition

Es ist erklärtes Ziel der Baubotanik, lebende Bauwerke unmittelbar in der Dimension ausgewachsener Bäume zu konstruieren. Ein möglicher Ansatz, dieses Ziel zu erreichen, ist die Pflanzenaddition. Bei diesem Verfahren werden junge, in speziellen Behältern wurzelnde Pflanzen derart im Raum angeordnet und – durch mit dem gärtnerischen Pfropfen vergleichbare Methoden – so miteinander verbunden, dass sie zu einer pflanzlichen Fachwerkstruktur verwachsen. Die einzelnen Pflanzen werden anfangs kontinuierlich und lokal mit Wasser und Nährstoffen versorgt und mittels temporärer Hilfsgerüste in Form gehalten. Im Verlauf der weiteren Entwicklung soll durch sekundäres Dickenwachstum eine selbsttragende und belastbare Struktur entstehen, sodass die Hilfsgerüste obsolet werden. Vor allem aber soll auch erreicht werden, dass der Transport von Wasser, Nährstoffen und Assimilaten über ursprüngliche Individuengrenzen hinweg von der untersten Wurzel bis zum obersten Blatt erfolgen kann und die untersten, in den Erdboden gesetzten Pflanzen, ein sehr leistungsfähiges Wurzelsystem entwickeln. Die im Gerüstraum angeordneten Wurzeln werden dadurch überflüssig und können gemeinsam mit der anfangs notwendigen Bewässerungs- und Düngetechnik entfernt werden.

Die natürliche Entsprechung dieses Entstehungsprozesses ist das Wachstumsmuster tropischer Würgefeigen (z. B. Ficus benghalensis). Individuen dieser Art decken ihren Wasser- und Nährstoffbedarf „in der Luft“, d. h. sie wachsen zunächst epiphytisch, nehmen jedoch im Verlauf ihrer Entwicklung eine terrestrische Lebensweise an: Sie keimen zunächst in der Krone eines Wirtsbaums und senden von dort Luftwurzeln zum Boden, um die dortigen Wasser- und Nährstoffvorkommen zu erschließen. Als temporäres Gerüst dient Ihnen der Wirtsbaum, den sie mit ihren Luftwurzeln im Laufe der Zeit jedoch strangulieren. Während dieser abstirbt und verrottet, entsteht aus den Luftwurzeln eine selbstragende, fachwerkartige Struktur, die einer baubotanischen Konstruktion nicht unähnlich ist.

Die prinzipielle Machbarkeit des Verfahrens wurde bislang an einem sieben Pflanzen umfassenden linearen Pfropfversuch nachgewiesen und es kam bei einem Versuchsbauwerk, dem baubotanischen Turm, zur Anwendung. Entscheidend für eine erfolgreiche Anwendung des Verfahrens in der Praxis wird sein, eine Methode zu entwickeln, die es erlaubt, die beschriebene Umsteuerung der Stoffströme herbeizuführen und das Wachstum der unteren Wurzelbereiche in besonderem Maße zu fördern. Voraussetzung hierfür sind genaue Kenntnisse über die physiologische Leistungsfähigkeit der entsprechenden Wurzelbereiche und über die die Wasserleitfähigkeit der Pflanzenachsen sowie der  Verwachsungsstellen.

Diese Fragen sollen in einem interdisziplinären Forschungsvorhaben der Forschungsgruppe Baubotanik in Kooperation mit der Plant Biomechanics Group Freiburg, der AG Ökophysiologie der Universität Hohenheim und dem Institut für Landschaftsplanung und Ökologie der Universität Stuttgart bearbeitet werden.

  • Projekt:
    Teilprojekt des Promotionsvorhabens von Ferdinand Ludwig bei Prof. Dr. Gerd de Bruyn (IGMA) und Prof. Dr. Thomas Speck (PBG Freiburg)
  • Finanzierung:
    Stipendienprogramm der DBU
  • Zeitraum
    seit 02/2007
  • Versuchsfläche
    Wagenhallen Stuttgart