Baubotanik Ferdinand Ludwig Thema Baubotanik

Thema Baubotanik

Der Begriff Baubotanik wurde am Institut Grundlagen Modernar Architektur (IGMA) der Universität Stuttgart entwickelt und steht für einen Ansatz, mit lebenden Pflanzen zu konstruieren. Er beschreibt eine Bauweise, bei der Bauwerke durch das Zusammenwirken technischen Fügens und pflanzlichen Wachsens entstehen. Dazu werden lebende und nicht-lebende Konstruktionselemente so miteinander verbunden, dass sie zu einer pflanzlich-technischen Verbundstruktur verwachsen: Einzelne Pflanzen verschmelzen zu einem neuen, größeren Gesamtorganismus und technische Elemente wachsen in die pflanzliche Struktur ein.

 

Lebende Bauten

Hinter diesem zunächst rein technischen Ansatz steht ein Wunsch, der in der Geschichte der modernen Architektur immer wieder aufkam und sich in unterschiedlichster Art und Weise artikulierte: Die Verlebendigung der Architektur.

Baubotanische Bauten entsprechen diesem Wunsch wortwörtlich. Man kann sie als lebende Bauten bezeichnen, weil die Lebensäußerungen der Pflanzen zu Lebensäußerungen des gesamten Bauwerks werden: Im Frühjahr treibt nicht einfach eine Pflanze, sondern ein Bauwerk aus, und im Herbst wirft nicht ein Baum, sondern ein Bauwerk seine Blätter ab. Diese Übertragung der Lebendigkeit von der Pflanze auf das Bauwerk gelingt, weil die Pflanzen nicht attributiv, sondern als elementare Bestandteile der Konstruktion verwendet werden.

 

Baumkonstruktion

Pflanzen oder Pflanzenteile werden in der Baubotanik als Konstruktionselemente, als eine Art „lebendes Halbzeug“ aufgefasst. Sie werden zu einer baulichen Struktur zusammengefügt und gleichzeitig zu einem Gesamtorganismus verbunden. Damit wird nicht nur das Bauwerk, sondern auch der pflanzliche Organismus selbst konstruiert. Das heißt, dass die Grundstruktur einer „baubotanischen Pflanze“ entworfen wird – sie entsteht durch einen Akt des Bauens unmittelbar in der angestrebten Größe, und nicht wie ein gewöhnlicher Baum durch einen kontinuierlichen Wachstumsprozess. Gleichwohl ist ihr Entstehungsprozess mit der baulichen Fertigstellung keineswegs abgeschlossen. Denn erst durch die sich anschließenden Wachstumsprozesse entsteht aus den anfangs flexiblen und empfindlichen „Halbzeugen“ eine selbstständig lebensfähige, robuste und belastbare Pflanzenstruktur.

 

Urbane Vision

Baubotanische Bauwerke sind zu Anfang gegebenenfalls von technischen Einrichtungen abhängig, die das Wachstum ermöglichen und die Standfestigkeit sicherstellen. Nichtsdestoweniger entfalten sie bereits unmittelbar nach ihrer baulichen Fertigstellung räumliche und sinnliche Qualitäten, die sonst nur in ausgewachsenen Bäumen zu erleben sind. Dabei kann die „Baumkrone“ als ein Raum entworfen werden, der vielfältige Nutzungen ermöglicht – beispielsweise in der Form eines dreidimensionalen Parks.

Insgesamt ist die Baubotanik nicht nur eine Pflanzentechnologie, sonder auch eine moderne Vision des Urbanen: Sie stellt sich der Frage, wie in dicht bebauten Innenstädten oder sich rasant entwickelnden Metropolen adäquate Grünräume geschaffen werden könnten. Hier offeriert sie die Möglichkeit, auf kleinster Grundfläche „Pflanzenräume“ zu schaffen, die binnen kürzester Zeit benutzbar sind und viele ökologische Qualitäten Jahrzehnte alter Bäume vorwegnehmen.

 

Luftwurzeln

Bauwerke aus lebenden Pflanzen haben in der Geschichte der europäischen Gartenkultur einen festen Platz und lassen sich in unterschiedlichen kulturellen und historischen Zusammenhängen finden. Die direkten Wurzeln der Baubotanik gehen zurück auf eine Art prähistorische Biotechnik, die von einem Volksstamm im indischen Regenwald, den Khasi, noch heute praktiziert wird: Mit Hilfe einer ausgeklügelten Methode leiten sie Luftwurzeln von Gummibäumen über einen Fluss und verflechten sie zu einer netzartigen Struktur. Im Laufe der Zeit verwächst dieses Gebilde zu einer stabilen und begehbaren Konstruktion – einer lebenden Brücke.

Die Baubotanik kann als ein Versuch verstanden werden, diesen Ansatz in eine moderne Bauweise zu transformieren. Erkenntnisse botanischer Forschung bilden die Grundlage, um systematisch die Möglichkeiten des Bauens und Entwerfens mit lebenden Pflanzen zu untersuchen und Konstruktionsverfahren zu entwickeln, die sich moderne gartenbauliche Technologien zu Nutze machen.

 

Gärtnerisches Entwerfen

Nicht zuletzt ist die Baubotanik auch eine gärtnerische Bauweise: Die pflanzlichen Baumaterialien wachsen in Gärtnereien heran und die Bauten bedürfen zeitlebens der gärtnerischen Pflege. Sie fordern ständig ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit, denn wenn sie verwildern, büßen sie ihren Bauwerkscharakter ein und verlieren rasch ihre Nutzbarkeit.

Schon bei der Planung ist eine gärtnerische Denk- und Handlungsweise gefragt, weil konstruktive und architektonische Zielvorstellungen mit den Anforderungen und Gesetzmäßigkeiten pflanzlichen Wachstums in Einklang gebracht werden müssen. Entscheidend ist, dass kein fertiges Gebäude geplant, sondern eine Ausgangskonfiguration und ein Entwicklungsprozess entworfen werden. Und weil unterschiedliche Wachstumsstadien unterschiedliche Formen der Nutzung erlauben, ist auch die Nutzung als ein Prozess zu entwerfen, der unmittelbar vom Wachstum abhängig ist.

 

Autobiographische Formfindung

Ein baubotanisches Bauwerk passt sein Wachstum ständig an die Umweltfaktoren des Standorts an und ist in der Lage, kleinere Schadstellen selbständig zu reparieren. Ergebnis dieser adaptiven Prozesse ist eine Gestalt, die aus den Bedingungen und Ereignissen resultiert, denen es im Laufe der Zeit ausgesetzt ist. Aufgrund dieser „autobiographischen Formfindung“ entwickelt jedes Bauwerk, ja selbst jedes Detail, individuelle Charakterzüge und wird – genauso wie ein alter Baum – zu einer Persönlichkeit.

Wie ein Bauwerk in der Zukunft konkret aussehen wird, ist also von einer Verkettung großteils nicht planbarer Ereignisse und Faktoren abhängig. Prognosen sind durchaus möglich, beschränken sich jedoch auf eher allgemeine Aussagen. Und wie bei der Wettervorhersage gilt: Je weiter man in die Zukunft zu blicken versucht, desto spekulativer werden die Aussagen. Deshalb ist es mit baubotanischen Bauten auch wie mit dem Wetter: Sie überraschen immer wieder aufs Neue.